zum Inhalt springen

Jangrak Moon, M.A.


Thema: Räume des Phantastischen. Phantastische Kinderliteratur in raumsemantischer Perspektive

Betreuer*in: Prof'in Dr.'in Maren Conrad

Ausgehend von den Problematiken Raum und Spiel sollen in der Studie zu Werken der gegenwärtigen deutschsprachigen Kinderliteratur Parallelen zwischen postmodernen Tendenzen und Raumkonzepten hergestellt werden, die neue Interpretationsmöglichkeiten zulassen. Es wird zu beweisen sein, dass die Rezipientinnen/Rezipienten durch das Lesen phantastischer Literatur in Gedanken aus den Zwängen und Einschränkungen der Realität ausbrechen können, dass das Leben kurzzeitig aus dem gewohnten Regelwerk, aus der Langweile und Eintönigkeit des Alltags befreien kann (Vgl. Anz 1998), was der Befriedigung eines inneren Wunsches der Leserinnen/Leser dient, jedoch kein spezifisches Phänomen der postmodernen Gesellschaft ist, sondern eine Tendenz, die schon in früheren Epochen deutlich spürbar war (Vgl. Schenda 1977). Dabei wird hervorgehoben, dass das Eintauchen in fiktiv-phantastische Welten nicht auf eine Fluchtmöglichkeit reduziert werden kann, sondern dass dadurch Imaginations-, Simulations- und Spielräume für die Rezipientinnen/Rezipienten eröffnet werden.  Insofern wird Schenda nicht gefolgt, der Literatur, welche die Rezipientinnen/Rezipienten „in die gute alte Zeit“ (Ebd., 303) oder auch in phantastische Welten entführt, als Literatur der „Flucht“ bezeichnet, anhand derer sich die Autorinnen/Autoren „vor der Realität [verstecken] und ihren Lesern gleichsam die Möglichkeit bieten, in ein völlig irreales Traumland zu emigrieren“ (Ebd., 170).  In der vorliegenden Arbeit wird die phantastische Kinderliteratur nicht in ihren nur trivialen Erscheinungen betrachtet und damit auf Eskapismus reduziert, sondern als experimenteller Spiel- und Simulationsraum für Autorinnen/Autoren einerseits, für Leserinnen/Leser andererseits beschrieben.

Die Analyse der Raumkonstruktion fokussiert die Gestaltung fiktiver Parallelwelten, die Übergangsmöglichkeiten (Schleusen), die Darstellungsfunktionen der Spiegelwelten und die phantastischen Figuren. Hierfür wird die Auseinandersetzung mit Tendenzen der Postmoderne aufgezeigt. Diese den Raum betreffenden postmodernen Problematiken werden mit literaturtheoretischen Überlegungen, beispielsweise der Appellstruktur literarischer Texte nach Wolfgang Iser (Vgl. Iser 1970) oder der Struktur und Funktion literarischer Räume nach Jurij M. Lotman (Vgl. Lotman 1989), zusammengeführt. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass in der vorliegenden Arbeit versucht wird, zu analysieren, wie sich gegenwärtige phantastische kinderliterarische Texte mit dem in der Postmoderne zunehmenden Phänomen der Orientierungslosigkeit in Verbindung bringen und das dabei einhergehende Motivarsenal näher zu untersuchen. Darüber hinaus werden in diesem Zusammenhang Problematiken der Postmoderne in Verbindung mit der Kinderliteratur angesprochen, wie Pluralität und Freiheit, Migration und Integration, die Brüchigkeit von Identitäten und Metafiktionalität.

Beginn der Promotion: Oktober 2022

Literaturverzeichnis
Anz, Thomas: Literatur und Lust. Glück und Unglück beim Lesen. München: dtv Verlag 1998.
Stenzel, Gudrun (Hg.): Kinder lesen – Kinder leben. Kindheiten in der Kinderliteratur. 16. Beiheft der Zeitschrift Beiträge Jugendliteratur und Medien. München: Juventa 2006.
Dankert, Birgit: Michael Ende. Gefangen in Phantásien. Darmstadt: WBG 2016.
Freund, Winfried: Das zeitgenössische Kinder- und Jugendbuch. München 1982.
Freund, Winfried: Literarische Phantastik. Die phantastische Novelle von Tieck bis Torm. Stuttgart 1990.
Iser, Wolfgang: Die Appellstruktur der Texte. Unbestimmtheit als Wirkungsbedingung literarischer Prosa. Konstanz: Universitätsverlag 1970.
Schenda, Rudolf: Volk ohne Buch. Studien zur Sozialgeschichte der populären Lesestoffe 1770-1910. München: dtv Verlag 1977.