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Jangrak Moon, M.A.


Thema: Raumkonstruktion des Phantastischen. Zur Ästhetik der zeitgenössischen Kinder- und Jugendliteratur

Betreuer*in: Prof'in Dr.'in Maren Conrad

Die vorliegende Dissertation leistet eine grundlegende Neubewertung der zeitgenössischen deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur, indem sie diese als hochkomplexes Reflexionsmedium der Postmoderne etabliert. Angesichts einer soziologisch als flüchtige Moderne oder Risikogesellschaft diagnostizierten Gegenwart, in der stabile Identitätsentwürfe erodieren, fungiert das phantastische Erzählen nicht als eskapistische Fluchtbewegung, sondern als autonome ästhetische Strategie. Die Arbeit argumentiert, dass die phantastische Literatur durch eine bewusste ‚Poetisierung des Raumes‘ eine transgressive Möglichkeitsbühne eröffnet, in der das Subjekt Kontingenz bewältigen und seine Identität unter den Vorzeichen von Pluralität und Medialität neu verhandeln kann. Hierbei wird der phantastische Raum als ein dynamisches Laboratorium der Subjektgenese begriffen, das die Grenze zwischen Ich und Welt nicht als statische Schwelle, sondern als produktiven, narrativen Ereignisraum konstituiert. 

Methodisch fundiert wird diese Untersuchung durch eine interdisziplinäre Synthese aus kulturwissenschaftlicher Raumanalyse – insbesondere unter Rückgriff auf Jurij M. Lotmans Raumsemantik, Michel Foucaults Konzept der Heterotopie und den Spatial Turn – sowie einer spielästhetischen Phänomenologie, die in Anlehnung an Johan Huizinga und Thomas Anz das Spiel als zentrale Existenzform der Weltbegegnung deutet. Anhand eines repräsentativen Korpus, das von Michael Endes metafiktionalem Referenzwerk Die unendliche Geschichte bis hin zu Cornelia Funkes Tintenwelt-Trilogie sowie Werken von Kirsten Boie und Wolfgang Hohlbein reicht, dechiffriert die Studie die architektonischen Mechanismen erzählter Parallelwelten. Dabei zeigt sich, dass diese Spiegelwelten die strukturelle Komplexität der sogenannten Erwachsenenliteratur nicht nur erreichen, sondern in ihrer Reflexion über Fiktionalität und Realität oft eine Vorreiterrolle einnehmen. 

Das Ergebnis der Analyse lässt sich in einer Trias zentraler Implikationen des Imaginären zusammenfassen: Erstens fungiert die Phantastik als sozialer Resonanzraum, der historische Erinnerungsarbeit leistet und Empathie durch die Begegnung mit dem Alteritären schult. Zweitens bietet sie ein erkenntnistheoretisches Korrektiv zur medialen Fragmentierung, indem sie die Suche nach dem wahren Wunsch als Akt souveräner intentionaler Sinnstiftung reaktiviert. Drittens verteidigt die ästhetische Autonomie dieser Spiegelwelten das Imaginäre als Veto gegen eine technokratische Verwertungslogik. 

Zusammenfassend erweist sich die Phantastik als eine ‚Poetik der Wiederverzauberung‘, die das Subjekt dazu befähigt, die als fragil wahrgenommene Primärrealität durch die Kraft der Imagination aktiv neu zu gestalten. Indem die Literatur das Phantastische als Möglichkeitsbühne konstituiert, wird der Lektüreprozess zu einem existenziellen Exerzitium: Das Subjekt gewinnt die Souveränität über die eigene Wahrnehmung zurück und verwandelt die fragmentierte Außenwelt in einen bewohnbaren, sinnhaften Raum. Die Arbeit versteht sich somit als ein Beitrag dazu, die phantastische Kinder- und Jugendliteratur als zentrales Reflexionsmedium im Diskurs der modernen Literaturwissenschaft zu verorten.


Beginn der Promotion: Oktober 2022